Mein Job im Gepäckdienst

Als Schichtmeister im Gepäckdienst habe ich, ganz banal gesagt, nur eine Aufgabe: den Transport des Passagiergepäcks zum Flugzeug oder zum Terminal zu organisieren. Koffer, Taschen, Rucksäcke gehen vom Check-in über den Gepäckverteiler auf Gepäckwagen oder Gepäckcontainer und dann auf Wagenzügen direkt zum Flugzeug. Das hört sich relativ einfach an – wenn da nicht die kleinen unvorhersehbaren (oder sie sind doch vorhersehbar?) Stolperstellen wären…:

3:45 Uhr: Mein Dienst beginnt mit dem Einschalten der Gepäckförderanlage im Einsatzbüro – oder auch „Raumschiff Enterprise“ der vielen Monitore, Funkgeräte und Telefone wegen genannt. Wir verfügen über 4 verschiedene Terminals mit jeweils 4 unterschiedlichen und autarken Gepäckförderanlagen. Die Teamleader, die in den verschiedenen Terminals die Lader einteilen, kommen etwa zeitgleich zum Dienst und holen bei mir diverse Schlüssel ab, um ihre Arbeit aufnehmen zu können.

4:00 Uhr:
Nun werden die Gepäckfahrer eingeteilt. Insgesamt beschäftigen wir ca. 60 Fahrer – 15 pro Schicht. Heute sieht die Besetzung relativ gut aus – könnte ein entspannter Tag werden – mal abwarten. Die ersten Fahrer verteilen zunächst einmal das „Late Night Gepäck“ (schon am Vorabend für den Folgetag eingechecktes Gepäck) auf die „übernachtenden“ Flugzeuge. Anschließend werden die Kollegen für die „Frühspitze“, auch „Peak“ genannt, auf die Terminals verteilt, wo sie eigenständig die vollen Gepäckwagen zum jeweiligen Flugzeug fahren. Sie müssen dafür eine Menge Erfahrung und Zeitgefühl mitbringen, um die Abflugzeiten nicht zu verpassen.

5:45 Uhr:
Langsam setzt die Hektik ein, die LMC (Last Minute Change – oder Schwäbisch „Do schtimmt ebbäs net) Gepäckstücke kündigen sich an. Das ist Gepäck, das nicht rechtzeitig am Sortierrundlauf ankommt, weil…
- es zu spät eingecheckt wurde
- oder sich was Verdächtiges im Gepäck befindet und die Kollegen der Bundespolizei genauer hinschauen müssen
- oder ein langer Schulterriemen nicht von der Sporttasche entfernt wurde
- oder ein Backpacker-Rucksack sich mit einer der vielen Schlaufen in der Förderanlage verklemmt hat
- oder ein Skateboard (so nenn ich die Koffer mit 4 Rollen) eingecheckt wurde – der kommt eigentlich selten ans
Ziel an, oder haben Sie schon mal ein Skateboard einen Berg hinaufrollen sehen?

7:00 Uhr:
Der erste Ansturm ist vorbei, einzelne Fahrer sind schon mit der Pause fertig. Nun sind auch schon die ersten Maschinen im Landeanflug. Die Teamleader aus den Terminals fordern nun meine Fähigkeiten des Vorausschauens heraus und möchten ihre Ladezahlen für die Flugzeuge mit Containerbeladung haben. Eine gute Vorbereitung ist dabei sehr wichtig.

Wussten Sie übrigens, dass im Gepäckverteiler die Hektik pro Flug mindestens 2-3 Stunden vor dem eigentlichen Flugereignis beginnt? Wir kümmern uns um jedes einzelne Gepäck – das kann manchmal ganz schön mühsam sein.

9:00 Uhr:
Der zweite Peak beginnt sich langsam aufzubauen und zwar doppelt so stark wie der erste. Warum? Weil zu den Abflügen jetzt auch noch die Landungen dazukommen. Die Gepäckfahrer sind wie die Ameisen unterwegs, um die Aufträge, die ich ihnen zuweise, abzuarbeiten. Hinzu kommen noch die Sperrgepäckfahrten – wir haben eine zentrale Sperrgepäckannahme im Terminal 3 – von dort wird alles Sperrgepäck auf die Terminals verteilt.

10:00 Uhr:
Mein Kollege, der heute am Telefon seinen Dienst versieht, ruft mir immer öfter zu: „Michael – LMC am LMC Band“, „Sperrgepäck für Lufthansa – Maschine will in 5 Minuten raus“, „ Schick mal einen Fahrer zu Delta Airlines, da stehen Dollys im Weg rum – die wollen Push-Back machen“, „Der Buseinsatz hat angerufen, auf Position 46 kommt der Busfahrer nicht durch, lass mal die Wagen wegziehen“ usw.

Zwischendurch steht die Gepäckförderanlage wegen eines Gepäckstaus, und der dritte Kollege turnt in der Anlage herum und muss von uns zu der Störung gelenkt werden. Dann ein Anruf vom Fachgebietsleiter: „Was nimmt der 330er nach Palma mit?“ Gemeint ist der im Sommerflugplan tägliche Airbus A330 nach Mallorca – er möchte wissen, wie viele Container zur Beladung bestellt wurden – ich sage 14 Stück. Gut, dass er angerufen hat, erinnert mich daran, dass ich Leergut für die Dicke Berta – wie wir die Maschine liebevoll nennen – vorbereiten lassen muss. Da ist ein Mitarbeiter schon mal eine halbe Stunde damit beschäftigt.
Dann kommt es: „Michael, Schichtleitung ist am Telefon, er braucht ganz dringend einen Busfahrer.“ (Einige Gepäckfahrer sind auch ausgebildete Busfahrer) – „Muss das sein?“ – „Ja!“ – O.K. dann halt mit einem Fahrer weniger auskommen…

11:30 Uhr:
Ein Blick auf die Uhr, bald Feierabend. Im Einsatzbüro ist es ein bisschen ruhiger. Nun kommen die Fahrer ein wenig zur Ruhe – aber das täuscht: Die Lufthansa-Maschine nach München hat so starke Verspätung, dass Anschlussflüge nicht erreicht werden. Heißt für uns: Gepäckstück mit der Gepäcknummer soundso raussuchen, zwei Minuten später Tagnummer soundso, zehn Sekunden später eine Mitarbeiterin von Lost and Found am Telefon: „Wo ist das Gepäck für München, der Passagier wartet bei mir?“ So geht das mindestens noch eine Stunde weiter – Erfahrungswert. Aber immer freundlich bleiben – lächeln, wenn es auch schwer fällt…

12:00 Uhr:
Mein Kollege rüttelt an meinem Stuhl: „Komm ich löse dich ab“. Dankend nehme ich an und weise ihn in den aktuellen Stand ein und setze mich in der zweiten Reihe an den PC und rufe meine E-Mails ab und erledige sonstige Sachen. Dann lehne ich mich zurück und genieße es noch, ein paar Minuten zuzuschauen…

12:30 Uhr:
Feierabend, ich fahre nach Hause. Im Treppenhaus treffe ich meine Nachbarin. „Hallo Michael, na schon Feierabend?“ Schon ist gut, schließlich bin ich ja bereits um 3 Uhr aufgestanden…
Ich komme zur Wohnung und mein Hund steht Schwanz wedelnd da und freut sich ungemein, dass Herrchen endlich heim kommt und mit ihm Gassi geht, gerne doch. Später kommt meine Frau nach Hause: „Hallo Schatz, wie war’s im Geschäft“ – „Nichts besonderes, ein ganz normaler Arbeitstag.“

21:00 Uhr:
Gute Nacht




30.11.2011

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