Ein Jurist in der Flughafenwelt

Mit unglaublicher Eleganz schwebte der neue A380 zu seinem Antrittsbesuch ein und landete sicher auf unserer Start- und Landebahn…. Mit dabei waren ca. 30.000 Flughafenbegeisterte rund um den «Campus», wie wir sagen. Und mittendrin: wir von der Rechtsabteilung! Zugegeben, nicht jeder meiner Tage beginnt so spektakulär. Obwohl es dazu angesichts der bunten Flughafenwelt immer wieder viele Gelegenheiten gibt. Einerseits funktioniert auch ein Flughafen grundsätzlich wie andere Unternehmen. Demnach gibt es typische Fach- und Funktionsbereiche wie beispielsweise Personal, Controlling und Finanzen oder IT natürlich auch in der Flughafenorganisation.

Hinzu kommen die spezifischen Themen, die es so nur an einem Flughafen gibt. In den Geschäftsbereichen Aviation und Non-Aviation geht es um die Verkehrsplanung, die Überwachung und Sicherung des Vorfelds, der Rollwege und der Start- und Landebahn sowie das Management der Bodenverkehrsdienste, Passagiertransporte, Frischwasser-, Entsorgungs- und Gepäckdienste und der Fluggastabfertigung. Hinzu kommen der Bau, Betrieb und die Wartung der Flughafeninfrastruktur, die Entwicklung, Vermietung und Verpachtung von Büro- und Handelsflächen, Restaurants und Parkhäusern, die Versorgung mit Strom, Wasser und Wärme, Themen der Reinigung und Entsorgung sowie das Management der Informations- und Kommunikationstechnik und IT-Systeme.

Flexibel und pragmatisch
Schon alleine diese kompakte und verkürzt wiedergegebene Aufzählung macht deutlich, dass sich die Rechtsabteilung am Flughafen in diesem Themenspektrum bewegen können muss. Wie für andere Unternehmensjuristen liegt der Schlüssel in der interdisziplinären Zusammenarbeit. Als Inhouse-Berater müssen wir nicht nur juristisch fundiert arbeiten. Wir müssen auch in der Lage sein, Lösungsvorschläge und Handlungsempfehlungen entsprechend verständlich zu kommunizieren. Abgesehen von speziellen insbesondere strategischen Fragestellungen, die es besonders sorgfältig und gegebenenfalls ausführlich zu prüfen gilt, lautet die Kernbotschaft: Sei flexibel und arbeite pragmatisch! Insofern lebt auch der Flughafenjurist nicht im «Elfenbeinturm», sondern wird nur dann erfolgreich sein, wenn er nah am (internen) Kunden ist – letztlich nah am Menschen. Gefragt ist der Jurist als Unternehmer, der sich nicht ständig nach allen Seiten absichert und nicht bei jeder Frage eine rechtswissenschaftliche Diskussion führt, sondern der insbesondere über ein hohes Maß an Entscheidungsfreude und Entscheidungsfähigkeit verfügt.

Allrounder statt Spezialist
Aufgrund der großen Zahl an unterschiedlichen Themen und damit einhergehend der großen Zahl an verschiedenen Rechtsgebieten müssen wir in der Lage sein, zu priorisieren. Zu den klassischen Rechtsgebieten kommen die exotischeren Themen aus dem Bereich des Luftrechts. Wie auch im klassischen industriellen Umfeld spielen in der Flughafenwelt die internationale (insbesondere) völkerrechtliche und natürlich die europäische Perspektive eine entscheidende und immer wichtigere Rolle. In der konkreten Umsetzung des geltenden Rechts ist für mich nicht nur die enge Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen der anderen Fachbereiche wichtig. Besondere Bedeutung haben auch die Kooperation und Abstimmung mit den für den Flughafen zuständigen Behörden.

Das Produkt
Bei den immer komplexer werdenden Anforderungen ist nicht nur die rechtliche Expertise gefragt. Wie auch in einem produzierenden Unternehmen müssen wir uns zunächst genau mit dem «Produkt» auseinandersetzen. Das ist die Basis jeder fundierten Beratung. Was also macht einen Flughafen aus? Wie ist er organisiert? Wie sind die Abläufe? Welches Portfolio bieten wir an? Wer sind unsere Kunden? […]

Aus meiner eigenen, langjährigen Erfahrung im internationalen industriellen Umfeld kenne ich die Parallelen sehr genau. «Just in Time» ist nicht nur ein Stichwort für Zulieferer im Automobil-Bereich, sondern gilt umso mehr für einen internationalen Verkehrsflughafen. Wer also ein Unternehmen mit einem ganz speziellen Produkt kennenlernen möchte, wer vielfältige Erfahrungen sammeln möchte, ist hier genau richtig. Und hier liegen auch die Chancen für den juristischen Nachwuchs. Sicherlich: Die Flughafenwelt ist im Vergleich zu anderen Branchen ein vergleichsweise kleiner Kosmos. Demnach ist auch die Zahl der verfügbaren Stellen sehr überschaubar. Bei allen Besonderheiten lassen sich aber trotzdem wertvolle Erkenntnisse für eine Tätigkeit in anderen Branchen gewinnen. Viele Themen begegnen einem auch in einem «normalen» Unternehmen. Hinzu kommt die enge Verbindung zum Behördenumfeld. Lernfelder gibt es also genügend.

Was also sollte ein junger Kollege mitbringen?
Neben einer fundierten Ausbildung ist ein gutes wirtschaftliches Verständnis von Vorteil. Unabdingbar sind außerdem Entscheidungsfreude, Kommunikationsstärke und eine ausgeprägte Dienstleistungsmentalität. Ein Jurist am Flughafen muss gedanklich äußerst beweglich sein. Und gerade hier ist es wichtig zu wissen, wie das Unternehmen Flughafen funktioniert, wie das Zusammenspiel der unterschiedlichen Fachbereiche ist und welche Prozesse und Schnittstellen es gibt. Hat ein Jurist dies einmal verinnerlicht, kann er sich in nahezu jedem Unternehmen zurechtfinden.

Letztlich wird ein Jurist im Rahmen eines Praktikums oder im Rahmen der Wahlstation am Flughafen also Gelegenheit haben, eine andere, vielleicht bisher unbekannte oder nur aus Sicht des Passagiers erlebte Welt kennenzulernen. Ob im
juristischen Tagesgeschäft oder bei der Mitarbeit in fachübergreifenden Sonderprojekten – man wird für seinen weiteren beruflichen Werdegang eine Referenz gewinnen, die sich sehen lassen kann.

Und wer weiß: Vielleicht birgt auch der Blick hinter die Kulissen eine gewisse Faszination. Spätestens dann, wenn man mit den Kollegen der Verkehrsaufsicht über das sonnendurchflutete Flughafenvorfeld fährt und sich mitten im munteren Treiben der Flughafenwelt bewegt, ist er wieder da: der Duft der großen weiten Welt …




25.04.2012

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