Ein ganz normaler Tag?!

12. April 2011
Heute bin ich, Markus Kohler, 47 Jahre alt, zum Spätdienst eingeteilt. Mein Arbeitsplatz ist die Verkehrszentrale im 5. Stockwerk des Verkehrsleitungsgebäudes. Mittlerweile mache ich diesen Job seit 21 Jahren. Im Wesentlichen sorgen wir bei der Verkehrszentrale an 365 Tagen im Jahr durch die Bereitstellung aktueller Flugplandaten und benötigter Infrastruktur für einen sicheren und reibungslosen Ablauf auf dem Flughafen insbesondere auf dem Vorfeld. Heute ist einer der 365 Tage.

14:15 Uhr: Dienstbeginn. Die wichtigste Aufgabe beim Dienstbeginn ist das Briefing. Dabei erfahre ich alle für die Ausführung meiner Arbeit im aktuellen Dienst relevanten Informationen. Das sind z.B. Baustellen, Einschränkungen der Taxiways (der Rollwege) oder/und der Parkpositionen, Staatsbesuche oder wie heute – außergewöhnliche Hilfsflüge. „Fukushima“ parkt auf der Position 105. Gemeint ist die Antonow 124 (AN 124), die eine Betongroßmastpumpe der Firma Putzmeister nach Japan transportieren soll.

14:20 Uhr: Ablösung. Jetzt löse ich meinen Kollegen, der bereits seit 05:30 im Dienst ist, in der Kanzel ab. Bereits bei der Übergabe – und nach einem Blick auf die auf der Südseite geparkte AN124 und die davor stehende Betongroßmastpumpe – wird mir klar: Das wird heute kein gewöhnlicher Tag werden.

14:35 Uhr: Ich sollte recht behalten. Erster Anruf von der FSG-Pressestelle. Es wird Auskunft über die geplante Abflugzeit der AN124 nach Tokyo über Krasnojarsk erbeten. Und da drei Antonow-Flüge diese Woche geplant sind: Wann ist die Ankunftszeit der nächsten AN124 aus Doha, und welche AN124 Flugbewegungen sind für den Folgetag geplant? Hier kann die Verkehrszentrale in der gewohnten Qualität weiterhelfen.

14:50 Uhr: Eine weitere Presseanfrage: „In welche Richtung wird die AN124 abheben?“ Nun, knappe vier Stunden vor der geplanten Abflugzeit und der Tatsache, dass die Flugsicherung für die Festlegung der Startrichtung verantwortlich ist, keine einfache Frage. Glück für die Pressestelle, dass ich mich an diesem Morgen bereits intensiv mit der Wettervorhersage beschäftigt hatte: „Das Hoch Stephanie über der Biskaya und das Tief Karl 2 über Schweden sorgen an diesem 12. April für klare Wetterverhältnisse“, an die sich auch vier Stunden später die Flugsicherung halten muss. Klare Antwort: „Sie können mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 % davon ausgehen, dass die AN124 Richtung Westen starten wird.“

18:00 Uhr: Die Crew der AN124 fordert einen Schlepper an. Neben der Unterstützung der Flugsicherung bei der Überwachung und Steuerung des rollenden Verkehrs auf dem Vorfeld, ist die Einteilung wie auch Steuerung der Pushback-Fahrzeuge eine weitere wichtige Aufgabe der Verkehrszentrale. (Diese Fahrzeuge schieben die Flugzeuge von ihrer Parkposition zurück bis in eine Position, aus der sie aus eigener Kraft losrollen können … denn Flugzeuge rollen nur vorwärts.) Jetzt wird es kurz mal eng: Die Anforderung der Crew der Volga-Dnepr Airlines kommt 45min vor dem geplanten Beginn des Pushbackauftrags. 45min, in denen der für die AN124 eingeplante Fahrer einen anderen Pushback-Auftrag erledigen sollte. Fukushima oder Frankfurt, mit der Entscheidung für Fukushima bastelt mein Verstand bereits an einer Lösung für den Frankfurt-Flug.

18:45 Uhr: Kein Tag wie der andere. Noch während die AN124 von der Position 105 auf den TWY Z (Taxiway Zulu) gepusht wird, sorgt der Slot „Gott“ dafür, dass ich mir keine Sorgen mehr wegen der Lufthansa-Maschine LH 137 nach Frankfurt machen muss. Die Abflugzeit von 18:55 Uhr wurde durch den Slot (Abflugzeitfenster) auf 19:28Uhr verlegt. Das reicht!

19:18 Uhr: Nach mittlerweile mehr als 20 Jahren am Landesflughafen habe ich eins gelernt, es gibt nichts, was es nicht gibt: Die AN124 rollt auf dem falschen Taxiway!
Anstatt auf dem TWY S (Rollweg Sierra) ist sie auf dem TWY N (Rollweg November), der nur für eine Spannweite von 65 m vorgesehen ist. Mit einer Flügelspannweite von 73,30 m liegt die AN124 darüber. Eine Entscheidung binnen Sekunden ist nun erforderlich. Die AN124 ist kein gewöhnliches Flugzeug. Ihre Triebwerke müssen vor dem Start ein vorgegebenes Programm ablaufen. Dazu gehört auch das Rollen bei einer bestimmten Geschwindigkeit.

3 sec später steht die Entscheidung fest: Unter der Eskorte eines erfahrenen Verkehrsleiters vom Dienst (VvD), der hinter der AN124 fährt, setzt die AN124 ihre Fahrt fort, wohl wissend, jederzeit auf Weisung des VvD anhalten zu müssen, wenn es eng wird.

19:26 Uhr: Lift Off, die AN124 hebt ab. Beim Überfliegen der Schwelle 07 (Ende der Start- und Landebahn Richtung Westen) ist das Fahrwerk eingezogen. Einen besseren Zeitpunkt für eine Ablösung für die Pause wird es wohl nicht mehr geben. Mahlzeit!

22:00 Uhr: Dienstende. Auch bei der Übergabe sind die Hilfsflüge nach Tokio das Hauptthema. Für die morgige AN124 aus Novosibirsk ist noch keine reguläre Parkposition vorgesehen. Die AN124 aus Doha wird mit einer Verspätung von ca. 30min in Stuttgart erwartet… Aber dieses Problem lösen wir morgen.


14.04.2011

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