Ein "Praktikum" für einen Pfarrer

Warum machst Du das? Diese Frage wurde mir während meines vierwöchigen Arbeitseinsatzes im vergangenen Jahr auf dem Flughafen Stuttgart von meinem Kollegen des Bereiches Bau, Betrieb und Instandhaltung immer wieder gestellt. Die Frage kommt nicht von ungefähr, denn eigentlich habe ich, Pfarrer Wolfgang Herrmann, schon einen Beruf: Ich bin Betriebsseelsorger bei der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Warum verlassen wir Betriebsseelsorger in regelmäßigen Abständen unseren angestammten Arbeitsplatz und arbeiten für einige Zeit als einfache an- und ungelernte Arbeitskräfte in einem Betrieb oder einer Einrichtung mit?

Die katholische Betriebsseelsorge in Deutschland versteht sich als „Kirche im Außendienst“. Sie hat ihren Ort jenseits der Kirchenmauern in Industriegebieten, in Büros wie auch in der Arbeitsagentur und im Jobcenter. Dort, wo Lohn und Brot verdient werden und Lebenszeit investiert wird, wo geschafft und vieles geleistet wird, wo aber auch nicht selten so manches im Argen liegt.

Konkret heißt das: Während andere Kolleg/-innen in den Kirchengemeinden unterwegs sind, suchen wir Betriebsseelsorger die Menschen am Ort ihrer Arbeit auf. Dort, wo mit Kraft und Verstand gute Arbeit gemacht und Wirtschaft an der Basis vorangetrieben wird, bekommen wir ein Gespür für die Leistung, die Menschen erbringen. Täglich, rund um die Uhr, im Schichtdienst, im LKW auf der Straße, am Flughafen, „auf Station“, an den PCs oder an den Kassen bei Öffnungszeiten bis Mitternacht.

Um den Menschen in der Arbeitswelt nahe zu kommen, arbeiten meine Kollegen und ich öfter - und dann mehrere Wochen lang - in einem konkreten Betrieb mit (in den letzten Jahren unter anderem im Heizkraftwerk in Stuttgart, der Instandhaltung der SSB, als Müllmann in Ulm, als Call-Center-Agent in Oberschwaben, als Busfahrer im Unterland...). Wir lernen dabei die Menschen mit ihren Fragen kennen, hören zu, zeigen Interesse. Das schafft Nähe und Vertrauen und lässt uns Theologen am eigenen Leib annähernd erfahren, was ein Leben in abhängiger Beschäftigung bedeutet.

So durfte ich im Sommer vier Wochen lang die Kollegen des „Bautrupps“ begleiten und ihre Arbeit und ihr vielfältiges Aufgabenfeld kennen lernen. Dazu gehörten während meines Arbeitseinsatzes unter anderem
- die Mitarbeit bei der Erneuerung der Markierungen auf den Rollwegen, der Start/-Landebahn und der Parkpositionen der Flugzeuge (teilweise bei tropischen Temperaturen von deutlich über 40 Grad im Schatten – eine schweißtreibende Arbeit),
- die Durchführung von Reparaturen und Austauscharbeiten in allen Bereichen des Flughafens, luft- und landseitig,
- die Mithilfe beim Anbringen der Ausschilderungen für das Kindesfest,
- das Fixieren von Werbe- und Wegefolien außerhalb und innerhalb der Terminals,
- das Abgehen der öffentlichen Wege zwecks Überprüfung von Hitzeschäden oder anderer Mängel zur Gefahrenvermeidung für die Besucher und Passagiere am Flughafen,
- der Auf- und Abbau von Absperrungen auf dem Flughafengelände,
- und viele, viele Tätigkeiten mehr.

Die Kollegen des Bautrupps begegneten mir mit großer Kollegialität und Interesse. Die vielfältigen Einblicke in ihre Arbeit, ihre Professionalität und Kameradschaft haben mich beeindruckt. Trotz mancher kleiner oder größerer Sorgen oder auch unvermeidlichem Ärger, der bisweilen vorkommt, sind sie Stolz auf ihre Arbeit und ihren Arbeitsplatz - dem „Schmuckkästle“ Flughafen - wie es ein Kollege formulierte. Dankbar bin ich, dass sie meine Unzulänglichkeiten und Unerfahrenheit mit Wohlwollen begleiteten und mich kompetent und mit Geduld in meine Arbeit einwiesen.

Besonders wertvoll waren für mich die Gespräche am Rande „über Gott, die Arbeit und die Welt“. Für das dabei zum Ausdruck gebrachte Vertrauen sage ich von Herzen: Danke!

Seit dem Sommer 2013 bin ich mehrfach vom Airport Stuttgart abgehoben. Nun weiß ich umso mehr: Was sich vom Betreten des Flughafengelände über den Check-in und Gepäckaufgabe bis zum Gang vom Shuttlebus auf dem Vorfeld zum Besteigen des Flugzeuges an Arbeitsprozessen auf den ersten Blick so unspektakulär und reibungslos darstellt, ist das Ergebnis harter Arbeit.

Kolleg/-innen, Ihr macht gute Arbeit!




30.04.2014

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